Verantwortungsbewusstes Reisen gewinnt an Bedeutung

24. September 2026 | Insights & Perspectives

Die diesjährige BAUM-Tagung fand im Europa-Park statt, Deutschlands größtem Freizeitpark im Schwarzwald. Eine der BAUM-Preisträger*innen 2026 ist Eva Danneberg, u.a. Geschäftsführerin der destinature GmbH. Für uns war dies Anlass, mit ihr und Hansjörg Mair, dem Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH, über nachhaltigen Tourismus zu sprechen.

BAUM: Herr Mair, was macht den Schwarzwald als Urlaubsregion traditionell aus? Was ist im Umbruch?

Hansjörg Mair: Der Schwarzwald steht seit Generationen für Natur, Erholung, Gastfreundschaft und eine einzigartige Kulturlandschaft. Viele Menschen verbinden mit unserer Region Wälder, Wanderwege, regionale Kulinarik und gelebte Traditionen. Diese Werte sind bis heute das Fundament unserer touristischen Identität.
Gleichzeitig erleben wir einen Wandel. Gäste suchen heute nicht mehr nur schöne Landschaften, sondern authentische Erlebnisse, Sinnhaftigkeit und Qualität. Sie möchten erfahren, woher die Produkte stammen und wie man während eines Urlaubs im Schwarzwald umweltbewusst handeln kann. Deshalb entwickeln wir den Schwarzwald konsequent weiter: von einer klassischen Ferienregion hin zu einer modernen, verantwortungsvollen Destination, die Lebensqualität für Gäste ebenso schafft wie für die Menschen, die hier leben.

BAUM: „Lebensqualität“ ist das Stichwort für Sie, Frau Danneberg. Sie haben 1992 mit Ihrem Mann die WERKHAUS Design + Produktion GmbH gegründet, 30 Jahre später dann die destinature GmbH. Wie kamen Sie von Wohn- und Büroaccessoires im bekannten Stecksystem zu Feriendörfern?

Eva Danneberg: Wir sind früher gerne selbst den Elbradweg geradelt, leider nie besonders weit am Stück, da es wenige Unterkünfte gab, die schön waren und möglichst umweltfreundlich gearbeitet haben. Dies hat uns dazu inspiriert, selbst tätig zu werden. Aus früheren Camping-Erfahrungen mit der Familie haben wir gelernt, dass es erholsamer ist, wenn man ein bisschen mehr Komfort hat, sodass man sich auch gut zurückziehen kann, trotzdem ein maximales Maß an Natur um sich hat, um den besten Erholungseffekt zu erzielen.

BAUM: Was ist das Konzept der destinature-Dörfer? Wie setzen Sie dort die Prinzipien des nachhaltigen Tourismus um?

ED: Wir haben die naturnahen Grundstücke möglichst wenig verändert, zum Beispiel keine Bäume gefällt, und die Bodenverdichtung beim Bauvorhaben minimal gehalten, indem wir mit Strichfundamenten bei den Hauptgebäuden gearbeitet haben und die Hütten auf Stelzen gestellt haben, um keine Fundamente gießen zu müssen. So könnten die Dörfer rückstandsfrei zurückgebaut werden. Das weitere Baumaterial stammt vornehmlich aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz und zertifizierten Textilien. Da, wo es Sinn machte zu dämmen, haben wir mit natürlichen Dämmstoffen gearbeitet, um möglichst wenig Energie zu verbrauchen.
Strom beziehen wir aus erneuerbaren Energiequellen, und wir sparen Wasser. Im Bistro bieten wir nur Bio-Lebensmittel und fast nur vegetarische und vegane Speisen an. Wenn Gäste Fleisch wünschen, besorgen wir ihnen Biofleisch zum Selbergrillen. Bettwäsche, Handtücher, Körperpflegemittel, Reinigungsmittel sind alle aus biologischem Material bzw. biologisch abbaubar.

Regionale Wertschöpfung und die Interessen der Menschen vor Ort berücksichtigen

BAUM: Schwarzwald Tourismus spricht auf seiner Website nicht von „nachhaltig“, sondern von „bewusst reisen“. Was verstehen Sie darunter?

HM: „Bewusster reisen“ bedeutet für uns, Natur- und Umweltschutz und die Interessen der Menschen vor Ort bei der Gestaltung des Urlaubs zu berücksichtigen. Dazu gehört die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, die Stärkung regionaler Wertschöpfung und der Schutz unserer Kulturlandschaft. Mit KONUS ermöglichen wir seit 2005 Millionen von Übernachtungsgästen die kostenfreie Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs.
Noch ein paar Beispiele: Mit den jährlichen Schwarzwald CleanUp Days, einer groß angelegten Müllsammelaktion im Frühjahr und darüber hinaus, übernehmen Gäste und Einheimische gemeinsam Verantwortung für unsere Landschaft. Über unsere Weihnachts-Charity-Initiative unterstützen wir soziale Projekte in der Region. Der Schwarzwald Genuss-Award „kuckuck“ macht Gastgeberinnen und Gastgeber sichtbar, die Regionalität, Qualität und Gastfreundschaft auf besondere Weise leben. Insgesamt wird er 2027 wieder in sieben Kategorien verliehen. Die groß angelegte Videokampagne der Naturpark-Wirte im Schwarzwald soll die Relevanz von saisonaler und regionaler Küche im Schwarzwald untermalen: Landschaftspflege mit Messer und Gabel.
Mit dem Projekt Designed to Stay haben wir einen Hotelwettbewerb ins Leben gerufen, bei dem Hotels gemeinsam mit innovativen Unternehmen aus der Region neue Hotelzimmerkonzepte entwickeln. So entstehen neue Netzwerke zwischen Tourismus, Design, Handwerk und hiesiger Industrie. Neben dem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen spielen auch regionale Kooperationen und die Wertschöpfung vor Ort eine wichtige Rolle.

Viele Gäste kommen explizit wegen der nachhaltigen Ausrichtung

BAUM: Wer sind Ihre Gäste? Und kommen die explizit wegen Ihrer nachhaltigen Ausrichtung?

ED: Unsere Gäste sind Kurzzeittouristen jeden Alters, auch Familien, Radler und Wanderer, Naturliebhaber und Leute mit schmalem Budget, hauptsächlich sehr bewusste Konsumenten. Viele Gäste kommen explizit wegen der nachhaltigen Ausrichtung der destinature-Dörfer.

HM: Der Schwarzwald spricht ein breites Publikum an: Familien, Wandernde, Radfahrende, Genussreisende, Wellnessgäste und Menschen, die eine Auszeit in der Natur suchen. Verantwortungsbewusstes Reisen gewinnt im Tourismus an Bedeutung. Für viele Gäste spielen dabei neben der Qualität des Urlaubs auch Aspekte wie regionale Produkte, eine umweltverträgliche Anreise und Mobilität vor Ort sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit Natur und Ressourcen eine Rolle.

BAUM: Wie arbeiten Sie in Ihrer Region mit Hotels, Anbieter*innen von Ferienwohnungen, Gastronomie und Freizeiteinrichtungen zusammen, um das Konzept „bewusst reisen“ umzusetzen? Müssen Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

HM: Nachhaltige Entwicklung funktioniert nur gemeinsam. Deshalb arbeiten wir eng mit Gastgebern, touristischen Leistungsträgern, Kommunen, Verkehrsunternehmen und vielen weiteren Partnern zusammen. Unsere Rolle besteht vor allem darin, Menschen zusammenzubringen, Impulse zu geben und gute Beispiele sichtbar zu machen.
Die gute Nachricht ist: Das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und die Entwicklung entsprechender Angebote spielt eine wichtige Rolle im Schwarzwald. Viele Betriebe sehen darin längst nicht mehr eine Pflichtaufgabe, sondern eine Chance für Qualität, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit.

BAUM: Und Sie, Frau Danneberg, wie arbeiten Sie mit den Tourismus-Agenturen in den Regionen zusammen? Aktuell betreiben Sie zwei Dörfer: im Wendland und in der Eifel. Finden Sie dort Verbündete?

ED: Ja, natürlich! Mit den regionalen Stellen arbeiten wir von Beginn an gut zusammen. Hier hilft natürlich auch der Deutsche Tourismuspreis, bei dem wir im Jahr 2021 gleich doppelt gewonnen haben. Es werden Broschüren ausgelegt, Buchungsportale genutzt und regelmäßig gemeinsame Projekte und Angebote entwickelt. Wir profitieren hier gegenseitig voneinander und können Synergien nutzen.

Nachhaltigkeit ist Innovationsmotor, nicht Verzichtsprogramm

BAUM: Was müsste sich Ihrer Einschätzung nach ändern, damit Tourismus in Deutschland und Europa noch nachhaltiger wird?

HM: Wir sollten Nachhaltigkeit stärker als Innovationsmotor und weniger als Verzichtsprogramm verstehen. Von den Gästen wünsche ich mir Neugier, regionale Angebote zu nutzen und sich auf die Besonderheiten einer Destination einzulassen. Vom Gastgewerbe wünsche ich mir den Mut, Nachhaltigkeit konsequent als Teil der Unternehmensstrategie zu begreifen. Und die Politik sollte Rahmenbedingungen schaffen, die nachhaltiges Handeln erleichtern, etwa durch Investitionen in Mobilität, Digitalisierung und den Abbau unnötiger Bürokratie.
Vor allem aber brauchen wir mehr Zusammenarbeit zwischen Tourismus, Wirtschaft, Kultur, Mobilität und Technologie. Die spannendsten Ideen entstehen oft an den Schnittstellen unterschiedlicher Branchen. Nachhaltigkeit ist keine Einzelaufgabe. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt, das nur gelingt, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

ED: Ja, eine vernetzte Zusammenarbeit aller Akteure vor Ort wäre wünschenswert. Es müssten auch noch mehr Anreize für die Gäste in Richtung Erlebnistourismus geschaffen werden, dann fliegen die Leute nicht weg, denn das Wetter ist hier ja häufig sehr gut. Der nachhaltige Tourismus darf möglichst nicht teurer sein als der konventionelle, da er fleißig CO₂ einspart und daher sehr förderwürdig ist. In den Regionen wäre es toll, wenn die Mobilität zugunsten einer Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln verbessert werden würde; hier ließe sich sehr viel CO₂ einsparen. Von Seiten der Gäste freuen wir uns, wenn nachhaltige Bemühungen gewertschätzt werden.

BAUM: Wo sehen Sie die größte Chance für den nachhaltigen Tourismus der Zukunft?

ED: Nachhaltigkeit sollte nicht als Verzicht gesehen werden. Ich sehe die größten Chancen im nachhaltigen Tourismus in der Kombination aus Naturnähe, Komfort und Eventcharakter, das heißt, dass man in der Umgebung auch Erlebnisse finden kann, die zusammen mit regionalen Partnern organisiert werden. Aus unserer Sicht ist Nachhaltigkeit obligatorisch, damit auch zukünftige Generationen Urlaub in unserer derzeit noch wunderschönen Natur genießen können. Ich glaube, viele Menschen verstehen mittlerweile, dass man auch beim Reisen die natürlichen Ressourcen schützen sollte. Manches, was bio und fair ist, ist derzeit vielleicht mancherorts noch etwas teurer und im Hinblick auf Mobilität auch umständlicher. Wenn die Preisunterschiede fallen und, wie angesprochen, alle Akteure zusammenarbeiten, fallen für manche Menschen möglicherweise die letzten Hürden, sich für Nachhaltigkeit zu entscheiden. Für uns als Unternehmer ist jetzt schon oft die nachhaltige Lösung die günstigere Variante: zum Beispiel bei der Nutzung von Öko- oder Solarstrom bzw. wenn weniger Ressourcen verbraucht oder vielleicht sogar „verschwendet“ werden, wird automatisch gespart.

HM: Meiner Ansicht nach liegt die größte Chance darin, Nachhaltigkeit als Qualitätsversprechen zu verstehen. Menschen reisen nicht, um möglichst nachhaltig zu sein. Sie reisen, um schöne Erlebnisse zu haben. Wenn wir es schaffen, diese Erlebnisse regionaler, verantwortungsvoller und authentischer zu gestalten, gewinnen alle: die Gäste, die Betriebe und die Menschen vor Ort.
Für mich ist Tourismus dann erfolgreich, wenn er Natur schützt, regionale Wertschöpfung schafft, Innovation fördert und die Lebensqualität in einer Region aufrechterhält. Projekte wie beispielsweise KONUS, die CleanUp Days, unsere Weihnachts-Charity-Initiative, der kuckuck Award, die KI-basierte SchwarzwaldMarie oder Designed to Stay zeigen, dass verantwortungsvolles Handeln mit neuen Ideen und vielfältigen Angeboten verbunden werden kann.

Porträtfotos von Hansjörg Mair und Eva Danneberg
Nachhaltigkeit ist ein Qualitätsversprechen, sind sich Hansjörg Mair und Eva Danneberg einig.
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