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CHANCEN DER TRANSFORMATION MIT UND DURCH DIE TAXONOMIE

Die EU-Taxonomie kann für Unternehmen eine Chance für Transformation sein, wenn sie klug vorgehen. Was wichtig ist, beschreibt die B.A.U.M.-Vorsitzende Yvonne Zwick in diesem Beitrag, der auf ihrem Vortrag auf der 8. NRW-Nachhaltigkeitstagung am 23. Februar 2022 in Düsseldorf basiert.

Stellt die EU-Taxonomie eine Chance für Unternehmen dar, Teil der Transformation zur ökologisch-sozialen Marktwirtschaft zu werden? Die Antwort ist eine juristische: Es kommt ganz darauf an. Als Entscheider:in in einem Unternehmen können Sie mit der Taxonomie die Chance der Transformation verpassen, wenn Sie sie als symbolischen Anteil einhegen und Ihr Geschäftsmodell – sofern es noch kein nachhaltigkeitsbewusstes, sondern "Business as usual" ist – nicht hinterfragen.

Zurück zur Ursprungsidee

Möchten Sie die Taxonomie als Chance für Transformation nutzen, dann legen Sie das Ambitionsniveau am besten im Sinne der Ursprungsidee fest. Ursprungsidee war, nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten zu qualifizieren und nicht-nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten in Kontexten nicht-nachhaltiger Geschäftsmodelle abstrafen zu können. Die Taxonomie sollte einen ordnenden Charakter bekommen. Fragen Sie sich also: Ermöglicht Ihre Wirtschaftsaktivität nachhaltiges Wirtschaften (Enabling) oder wird sie auf ökologische Weise ausgeführt (Transition)? Transition-Aktivitäten dürfen den Übergang zu nachhaltigem Wirtschaften nicht kompromittieren – so die EU-Kommission.

Um das Ambitionsniveau festzulegen, ist es zweckdienlich, sich an den EU-Zielen auszurichten, die da sind: Klima-Neutralität bis 2050 erreichen, Rohstoff-Kreisläufe schließen. Sie setzen den Bezugspunkt und Orientierungsrahmen, damit Sie selbst qualifizieren können, wie schnell und konsequent Sie Ihr Geschäftsmodell in diese Richtung entwickeln. Dabei ist wichtig, dass Ihre Aktivitäten zusätzlich sind. Es wird nicht genügen, den Aktivitäten, die sich umdeuten lassen, ein nachhaltiges Attribut zu verpassen. Setzen Sie sich im Kontext einer Gesamtstrategie Nachhaltigkeit zeitlich definierte Ziele, anhand derer die Fortschritte und Ihre Beiträge zum Erreichen der Ziele gemessen und gesteuert werden können.

Wenn Sie aus der Transformation eine Chance machen möchten, kommen Sie um Impact Assessment nicht herum. Bilanzieren Sie Ihre Nachhaltigkeitsperformance, zeigen Sie positive Nachhaltigkeitsleistungen und weisen Sie nach, dass die ökologischen Wirkungen Ihrer Tätigkeit weniger negativ oder sogar positiv werden, indem Sie die biologische Vielfalt schützen und die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen so wiederherstellen, dass sie zu Treibhausgas-Senken werden. Dann werden Sie sicher keine Schwierigkeiten haben, Investor:innen zu finden.

Vertrauen in den Kapitalismus weltweit weggebrochen

Was die Taxonomie fordert oder vorschreibt, interessiert uns doch im Grunde alle: Womit generiert ein Unternehmen Umsatz und Profit? Dafür müssen wir alle Kapitalformen in den Blick nehmen: die natürlichen, die gesellschaftlichen, den Wissensstock, die Finanzen, die Buchwerte und die stofflich gebundenen Güter. Wir haben nun schon recht lange, seit zwei Dekaden, das Problem, dass die Buchwerte und Börsenwerte zunehmend auseinanderfallen. Diese unterschiedliche Bewertung birgt ein Volatilitätsrisiko; zuletzt haben wir das in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 erlebt. Danach ist das Vertrauen in den Kapitalismus weltweit massiv weggebrochen. Von diesem Glaubwürdigkeitsschock haben sich die Finanzmärkte und damit auch die Realwirtschaft noch nicht erholt.

Das Edelman Trust Barometer von 2020 zeigt, dass über die Hälfte der Bevölkerung davon ausgeht, dass der Kapitalismus mehr schadet als hilft. Und nur jede:r Achte glaubt vom Wachstum zu profitieren. Das sind Alarmzeichen, denen ich ein Hoffnungszeichen gegenüberstellen möchte, das vielleicht auch manche Organisation zum Umdenken anregen könnte, die ihre Mitglieder nicht darin unterstützt, das was kommt, zu verstehen und anzuwenden.

Mittelstand sieht Nachhaltigkeits-Berichtspflicht positiv

Auf eine Studie möchte ich verweisen, die es in sich hat, zumal sie vom eher nicht unter Ideologieverdacht stehenden Bankenverband, dem Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee (DRSC), The Official Monetary and Financial Institutions Forum (OMFIF) und Partnern in Auftrag gegeben wurde. Präsentiert wurde sie am 17. Juni 2021. Kernerkenntnisse: Trotz schwieriger politischer Rahmenbedingungen für die Transformation erwarten drei Viertel der großen mittelständischen Unternehmen mindestens gleichermaßen Vor- wie Nachteile für ihr Unternehmen durch die Brüsseler Klimaschutzpolitik. 50% der Mittelständler gehen davon aus, dass sie ihrem Unternehmen unterm Strich nutzen wird.

Trotz der Nachwehen der Corona-Pandemie sehen börsennotierte Unternehmen bereits heute die Erfüllung der neuen Nachhaltigkeits-Berichtspflichten als wichtigste anstehende Herausforderung (34%); erst dann kommt die Bewältigung der Corona-Krise und deren Folgen (31%).

Eine der größten Überraschungen der Umfrage: Drei Viertel der befragten mittelständischen Unternehmen begrüßen, dass die EU die nicht-finanzielle Berichterstattung auch auf ihre Unternehmen ausweiten will. Allerdings hatte erst die Hälfte der mittelständischen Unternehmen davon bereits gehört.

Die Studie fragte auch die "Taxonomie-Quoten" unter deutschen börsennotierten Unternehmen ab. Knapp die Hälfte der Unternehmen, die Quoten genannt haben, schätzt den Anteil ihrer Umsatzerlöse sowie der Investitionen in taxonomie-konforme Aktivitäten bereits auf bis zu 10%, immerhin rund 5% sogar auf bis zu 50%. Mit großer Mehrheit gehen die börsennotierten Unternehmen zudem von einer Steigerung dieser Taxonomie-Quoten bei Umsatzerlösen und Investitionsausgaben in den nächsten fünf Jahren aus (88% bzw. 78%). Das sind reale Chancen der Transformation und für echte Sustainable Finance.

Was ist wirklich nachhaltig?

Nachhaltig ist unsere Art zu wirtschaften dann, wenn auch zukünftige Generationen aus dem Vollen schöpfen und ihren Lebensstil frei wählen können, so der Brundtland-Bericht aus den 1980er Jahren. Nachhaltig sind unsere Wirtschaftsformen und Konsummuster dann, wenn sie an jedem Ort auf diesem Planeten tragfähig sind. Das ist unsere Haltung bei B.A.U.M. als nachhaltigem Unternehmensverband, der sich klar auf die planetaren Belastungsgrenzen und die SDG der Vereinten Nationen bezieht.

Die Chancen der Transformation nutzen Sie dann, wenn Sie überzeugen. Umso überzeugender sind Sie, je glaubwürdiger und belastbarer ihre Nachhaltigkeitsleistungen sind. Nähern Sie sich der Taxonomie über die Umweltziele. Wählen Sie eines, zu dem Sie einen substanziellen Beitrag leisten wollen. Fokus hilft, anzufangen. Weiten Sie dann den Blick, denn das Prinzip "Do no significant harm" bedeutet, dass Ihr Unternehmen bei keinem der anderen fünf Umweltziele wesentlich schaden sollte:

  • Emissionsvermeidung
  • Klimaanpassung
  • Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser und Meeresressourcen
  • Übergang zur Kreislaufwirtschaft
  • Umweltverschmutzung verhindern
  • Schutz und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme

Wenn Sie nicht in Grübelei verfallen wollen, was nun wesentliche Schäden sind, können Sie es sich auch einfach machen und ganz vermeiden. Das wäre das höchste Ambitionsniveau und sicher im Sinne der Fridays for Future.

Soziale Taxonomie

Was noch folgt und ausgearbeitet wird, ist die soziale Taxonomie. Sie wird notwendigerweise intergenerationelle Gerechtigkeit enthalten, womit wir wieder bei den zukünftigen Generationen sind. EU-Justizkommissar Didier Reynders hat am 23. Februar den Vorschlag für ein EU-Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz vorgestellt. Er fasst die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen und die UN-Leitprinzipien Wirtschaft und Menschenrechte in eine EU-Regulierung. So fügt sich mit enormem Tempo ein Gesamtbild, wie europäische Werte in einen schlüssigen Regulierungsrahmen für nachhaltiges Wirtschaften gegossen werden können.

Für mich ist ganz klar: Wollen wir Freiheitsgrade für Wirtschaft und Gesellschaften erhalten, müssen wir den physikalischen Veränderungen zuvorkommen. Nach einem Februar, in dem drei Orkane über die deutschen Küsten hinweggefegt sind, dürfte deutlich geworden sein, dass wir uns Aufschub nicht leisten können. Wer für Aufschub plädiert, treibt die Kosten.

Wer nachhaltiges Wirtschaften ernsthaft und ambitioniert betreibt, verändert und erweitert das Geschäftsmodell, bevor ihm das Wasser bis zum Halse steht, profitiert von geringeren Kapitalkosten und der gesellschaftlichen "Licence to operate". Damit liegen die Transformation und auch die Taxonomie im Eigeninteresse der Unternehmen selbst. Umarmen Sie diese Chance!





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