Dr. Stefanie Eichiner, BAUM-Preisträgerin 2025, engagiert sich für das Mainstreaming des Themas Biodiversität im Schulterschluss von Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Wir haben sie gefragt, wie Biodiversität zur Zukunftsinvestition wird.
Frau Dr. Eichiner, warum sollten sich Unternehmen mit Biodiversität beschäftigen?
Zahlreiche Unternehmen sind von der Natur abhängig – insbesondere von der Leistungsfähigkeit von Ökosystemen. Für mich ist Biodiversität deshalb keine zusätzliche Berichtspflicht, sondern eine Zukunftsinvestition in Versorgungssicherheit, Reputation und Wettbewerbsfähigkeit. Zwar fordert die CSRD zunehmend Offenlegung, doch der stärkste Impuls kommt aus der Finanzwelt: Banken, Versicherer und Investoren fragen heute konkrete, naturbezogene Kennzahlen ab – teils in umfangreichen Fragebögen, die Klima und Biodiversität gleichermaßen adressieren. Wenn ein Unternehmen wie z.B. Pfleiderer auf den Rohstoff Holz angewiesen ist, dann zeigt die doppelte Wesentlichkeitsanalyse ganz klar: Biodiversität ist materiell. Gesunde Ökosysteme sind die Grundlage unseres Geschäftsmodells. Regionale, zertifizierte Lieferketten senken Kosten und mindern Reputationsrisiken und erhöhen die Resilienz. Es sind diese handfesten Chancen, die Biodiversität zu einem wesentlichen Thema machen, nicht, wie oft vermutet, versteckte Risiken. Holz ist für Pfleiderer der wichtigste Rohstoff; rund 90 Prozent beziehen wir aus Deutschland. Davon waren im Jahr 2025 57 Prozent Recyclingholz, der Rest zu etwa gleichen Teilen Sägereste und Durchforstungsholz aus Wäldern.
Wie reagiert die Kundschaft auf das Thema?
Die Mehrheit der Kundschaft hat den Fokus ausschließlich auf produktbezogenen Merkmalen, also etwa Zertifizierung nach FSC oder PEFC oder der Anteil von Recyclingholz – alle natürlich mit klarem Bezug zur Natur. Bestimmte Märke gehen jedoch bereits sehr tief. Kundschaft aus Benelux und Frankreich kommt z.B. auch mit externen Biodiversitätsexpertinnen und -experten ins Haus. Hier bieten wir unsere konkreten Ansätze bei Kreislaufwirtschaft, Forstzertifizierung und unser Netzwerk zu Wirtschaft und Biodiversität. So überführen wir Fachfragen in lösungsorientierte Angebote: Platten mit hohem Recyclinganteil, innovativen biobasierten Rohstoffen oder auch Zertifizierung wie „Cradle to Cradle“. Wichtig für das Gespräch mit der Kundschaft ist, dass Vertrieb und Kundendienst geschult sind und wissen: Was bedeutet Biodiversität? Wie berührt sie unser Geschäft? Welche Fragen stellen progressive Kundschaften? So können Unternehmen Kompetenz entlang der Wertschöpfungskette aufbauen.
Welche Rolle spielen Berichterstattung und Rahmenwerke?
Für Investoren zählt ein nachvollziehbarer Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken und -chancen. Gute Nachhaltigkeitsratings und umfassende Transparenz in der Berichterstattung zahlen sich da aus. Sie senken den Aufwand für externe Prüfungen. Im Ergebnis verschiebt sich der Dialog von der Beantwortung einzelner Anfragen hin zur systematischen Offenlegung.
Ich empfehle, Rahmenwerke pragmatisch zu nutzen. Bei Pfleiderer dient die CSRD als Gerüst; aus TNFD und Science Based Targets for Nature übernehmen wir, was über die CSRD hinaus sinnvoll ist. Naturbezogene Ziele definieren wir in Anlehnung an SBTN: Kooperation mit der Lieferkette, Stärkung der Regionalität und Erhöhung des Recyclingeinsatzes sowie des Designs für Zirkularität Wir setzen dabei auf den Mut zur Lücke. Erst entwickeln wir Indikatoren, um daraus später sinnvolle Ziele abzuleiten.
Was raten Sie Unternehmen, die sich in Sachen Biodiversität gut aufstellen wollen?
Eine gute Orientierung bieten die UN-Nachhaltigkeitsziele, insbesondere „Leben an Land“, „Süßwasserökosysteme“ und „Partnerschaften für nachhaltige Entwicklung“. Unternehmen sollten für ihre Standorte Biodiversitätsmanagementpläne erstellen und sich Netzwerken wie z.B. der Initiative Biodiversity in Good Company anschließen. Um in der Lieferkette konkrete Projekte zur Renaturierung von Wäldern oder Mooren zu unterstützen, empfehle ich die Zusammenarbeit mit Umwelt- und Naturschutzorganisationen. Die Entwicklung einer umfassenden Biodiversitätsstrategie braucht aber Zeit. Konkrete Maßnahmen wie hohe Recyclingholzquoten und eigene Altholzaufbereitung gehören bei Pfleiderer seit 30 Jahren zum Kerngeschäft. Forstzertifizierung folgte wenig später, ebenso die Regionalisierung des Holzeinkaufs. Der Auftakt für die formale Biodiversitätsstrategie erfolgte 2024: Sie reicht vom Biodiversitätscheck entlang der gesamten Wertschöpfungskette über Standortanalysen bis hin zu Governance-Einbindung, Lieferantenbewertung mit Biodiversitätskriterien und gezielten Schulungen für Einkauf und Produktion.
Der stärkste Impuls zum Thema kommt aus der Finanzwelt, sagten Sie eingangs. Wie wird Biodiversität zum Finanzthema?
Finanzierung ist ein Hebel. Sustainability-linked Bonds können Unternehmen bei den Klimazielen und beim Recycling voranbringen. Daraus lassen sich bonusrelevante Leistungsziele für die Führung ableiten. Für biodiversitätsbezogene Anleihen braucht es Kriterien, die Wirkung seriös messbar machen. Parallel halte ich Ansätze für nötig, die Natur nicht nur als Kosten, sondern als werthaltige, bilanzierbare Investitionen betrachten – mit entsprechendem Monitoring. Gut sind z.B. die Ansätze der Landbanking Group oder die EU-Naturgutschriften. So wird Biodiversität auch finanziell zur Zukunftsinvestition, die sich über die Zeit auszahlt. Mein Fazit ist: Wer heute Biodiversität als Geschäfts- und Finanzthema ernst nimmt, sichert seine Lieferketten, stärkt den Markenwert und gewinnt Spielräume für Innovation. Mit planbaren, bewertbaren Schritten, Renaturierungen in der Lieferkette und transparenter Berichterstattung kann sich ein Unternehmen als Nachhaltigkeitsvorreiter positionieren.
Dies ist ein Beitrag aus BAUM Insights 2/2026.
Dr. Stefanie Eichiner ist Vorstandsvorsitzende der Initiative Biodiversity in Good Company e.V. Zudem verantwortet die Forstwissenschaftlerin das Nachhaltigkeitsmanagement bei der Pfleiderer Deutschland GmbH.
