Die Bedeutung von Biodiversität rückt im Agrarbanking stärker in den Fokus. Eine aktuelle Marktstudie von der Landwirtschaftlichen Rentenbank und Capgemini Invent beleuchtet, wie Biodiversität bislang im Kreditgeschäft berücksichtigt wird und wo die größten Herausforderungen liegen.
Befragt wurden für die Studie 24 Finanzinstitute unterschiedlicher Größe. Interviews mit Banken, Bankverbänden, Forschungsinstituten und Akteur:innen aus der Landwirtschaft geben zusätzliche Einblicke in die aktuellen Praktiken und unterschiedlichen Auffassungen zu ESG-Risiken.
Banken und Landwirtschaft: unterschiedliche Sichtweise auf Risiken
Die Studie zeigt, dass Banken das Thema Biodiversität vor allem aus der Perspektive der Risiko-Regulatorik beleuchten. Relevant ist dafür die Betrachtung der sogenannten Biodiversitäts- oder auch naturbezogenen Risiken. Im Vergleich zu Klimarisiken sind diese jedoch deutlich komplexer: Sie wirken regional und lassen sich nicht in einheitliche Bewertungsmodelle integrieren, u.a. weil eine eindeutige Metrik – wie z.B. ein CO₂-Äquivalent – fehlt.
Interessant ist, dass Banken physische Risiken – wie Bodendegradierung oder den Rückgang von Insekten zur Bestäubung der Pflanzen – als besonders relevant einstufen. Die Landwirtschaft hingegen sieht transitorische Risiken, also solche, die durch Marktverschiebungen oder politische Veränderungen im Sektor entstehen, als gravierender an. Diese Diskrepanz zeigt die unterschiedlichen Perspektiven zum unternehmerischen Risiko in einem Betrieb sehr deutlich. Die bedeutendsten physischen Risiken der Landwirtschaft waren für alle Befragten allerdings eindeutig: Bodendegradierung und Erosion, geringere Wasserqualität und -verfügbarkeit sowie der Rückgang von Bestäubern.
Erfassung durch Banken
Zwei Drittel der Banken erwarten, dass Biodiversität in den kommenden fünf Jahren eine mittlere bis hohe Relevanz für die Bonität der Agrarkund:innen haben wird. Trotzdem preisen über 90 Prozent naturbezogene Risiken bislang nicht in ihre Kreditkonditionen ein. Lediglich eines der befragtenInstitute gab an, mit Honorierungen positive Anreize zu setzen. Die Studie macht deutlich, wo die Schwierigkeiten liegen:
- Biodiversität unterliegt natürlichen Schwankungen und Wechselwirkungen. Schwankungen von Ernteerträgen sind nur in seltenen Fällen auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Sie sind das Ergebnis verschiedener Wechselwirkungen im gesamten Ökosystem und von Jahr zu Jahr zu beobachten. Daher ist es schwer, die Auswirkungen des Biodiversitätsverlustes treffsicher zu benennen.
- Es fehlt eine einheitliche Metrik. Über 75 Prozent der Befragten nennen den hohen Erhebungsaufwand und fehlende Daten als Hindernisse für die Integration naturbezogener Risiken in Kreditprozesse. Banken müssten je nach finanziertem Sektor unterschiedliche Kennzahlen abfragen.
- Biodiversität ist lokal. Die standort- und kundenspezifischen Unterschiede sind enorm. Viele Banken berichten von größten Herausforderungen bei dem Versuch, ihren Kund:innen gegenüber fair in der Bewertung zu sein.
Lösungsansätze und Best-Practice-Beispiele
Im Finanzsektor gibt es bereits einige Ansätze, um Biodiversitätsrisiken besser zu erfassen: Online-Tools wie ENCORE (Exploring Natural Capital Opportunities, Risks and Exposure) oder der WWF Risk Filter können helfen, Abhängigkeiten von der Natur zu erkennen; sie werden von einem Drittel der Banken genutzt. Die Tools geben einen Wert aus, wie stark ein Portfolio von Ökosystemleistungen abhängt. Je nach finanzierter Wirtschaftstätigkeit fallen diese Abhängigkeiten sehr unterschiedlich aus, weil sie auf verschiedene Ressourcen zurückgreifen. Da unterschiedliche Standorte nicht ausreichend berücksichtigt werden, sind die Ergebnisse auch noch zu allgemein. Viele Banken wünschen sich deshalb, die lokalen Gegebenheiten ihrer Kreditnehmenden besser einbeziehen zu können. Dazu müssen allerdings Daten auf Einzelkundenbasis erhoben und analysiert werden. Trotzdem ist der Einbezug solcher Tools in das ESG-Scoring für viele Banken der Beginn, naturbezogene Risiken zu berücksichtigen. Fortgeschrittene Institute nutzen zusätzlich Geodaten und geprüften Zertifizierungen der Kund:innen.
Die Rentenbank und Capgemini Invent haben gemeinsam mit den Interviewten eine Maßnahmenliste erstellt, die zeigt, wie Banken landwirtschaftliche Betriebe bei der Absicherung und langfristigen Risikominderung unterstützen können. Die Liste soll eine erste Orientierung im Agrarkundengeschäft bieten, welche Maßnahmen Wirkung zeigen, auch wenn diese an den jeweiligen Standort angepasst werden müssen.
Wie es weitergeht
Die Agrarwirtschaft ist einer der wenigen Sektoren, die zu mehr biologischer Vielfalt beitragen können. Regenerative Maßnahmen wie Humusaufbau und biodiversitätsfördernde Praktiken können zudem langfristig Erträge sichern und die Widerstandsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe stärken. Banken spielen dabei eine wichtige Rolle, indem sie flexible Finanzierungslösungen und Investitionen in innovative Technologien ermöglichen. Die Rentenbank unterstützt Maßnahmen zur langfristigen Mitigation naturbezogener Risiken mit gezielten Förderprogrammen.
Neben klassischen Kreditprodukten bieten sich auch Venture- Capital-Investments, die Förderung von Initiativen und Forschungsprojekten als Wege an, um Biodiversität in der Landwirtschaft nachhaltig zu stärken. Abschließend ist zu betonen: Damit Investitionen und Maßnahmen wirklich Wirkung entfalten, ist ein enger Austausch zwischen Banken, landwirtschaftlichen Betrieben und Fachleuten unerlässlich. Die verschiedenen Interviews mit den beteiligten Parteien haben gezeigt, dass die Kommunikation untereinander ein essenzieller Baustein für die gesamtgesellschaftliche Aufgabe – den Erhalt der Natur – ist.
Dies ist ein Beitrag aus BAUM Insights 2/2026.
Sophia Stammler ist bei der Landwirtschaftlichen Rentenbank, der Förderbank des Bundes für den Agrarsektor und die ländlichen Räume, im Nachhaltigkeitsmanagement tätig. Dort ist die Agrarwissenschaftlerin zuständig für die fachliche Einordnung der Bedeutung der ESG-Regulatorik für die Kreditvergabe in der Landwirtschaft. Sie steht in engem Austausch sowohl mit den landwirtschaftlichen Endkreditnehmenden als auch mit den Hausbanken, über die die Förderkredite vergeben werden.
Marco Meyer verantwortet bei Capgemini Invent das Thema Nachhaltigkeit im Finanzsektor. Mit über zehn Jahren Erfahrung in der Finanzdienstleistungsbranche hat der Volkswirt erfolgreich zahlreiche Projekte in den Bereichen globale Transformation sowie Implementierung ganzheitlicher End-to-End-Prozesse und Datenstrategien geleitet. Dank zahlreicher Projekte zunächst bei PwC, dann bei Capgemini Invent verfügt er über umfassende Expertise in der Konzeption, Entwicklung und Umsetzung von Nachhaltigkeitsinitiativen.
