Interne Richtlinien, die einheitliche Standards und Verhaltensweisen festlegen, spielen in einem dynamischen Umfeld eine zentrale Rolle. Dabei stellt sich die entscheidende Frage: Wie können eindeutige Richtlinien definiert werden, die den steigenden Anforderungen gerecht werden, gleichzeitig aber auch die Realität politischer und wirtschaftlicher Komplexität berücksichtigen?
Die Antwort ist alles andere als trivial. Insbesondere kontrovers diskutierte Themenbereiche, wie beispielsweise fossile Brennstoffe oder Rüstung, bedürfen reflektierter Abwägungen. Wir als Commerzbank haben klare Richtlinien zu diesen und weiteren sensiblen Themenfeldern definiert, die wir regelmäßig überprüfen und weiterentwickeln. Dabei sind differenzierte Überlegungen und ein kontinuierlicher Stakeholder-Dialog entscheidend. Nur so können wir in einem dynamischen Umfeld angemessen reagieren.
Externe Einflüsse als Impulsgeber
Der Impuls, eine neue Richtlinie zu entwickeln oder bestehende Kriterien zu überarbeiten, resultiert oftmals aus veränderten externen Rahmenbedingungen. Im Bereich fossiler Brennstoffe geht es beispielsweise um Themen wie geopolitische Spannungen oder staatliche Regulierungen.
Die weltweite Debatte über den Klimawandel und die damit verbundene Notwendigkeit zur Dekarbonisierung reflektieren wir bereits in unserer Nachhaltigkeitsstrategie. In unseren Richtlinien berücksichtigen wir zudem aktuelle Entwicklungen wie die Energiekrise und die zunehmende Bedeutung der Versorgungssicherheit.
Im Bereich der Rüstungsfinanzierung kommt den politischen Dynamiken eine richtungsweisende Bedeutung zu. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die daraus folgenden geopolitischen Verwerfungen stellen hier eindeutig eine Zäsur dar. Die Bundesregierung hat mit ihrer Ankündigung, die Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen, um die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu schützen, ein klares Signal gesetzt. Gleichzeitig läuft eine Debatte, ob und inwieweit Rüstungsaktivitäten als nachhaltig gelten können.
Der Abwägungsprozess bis zur finalen Richtlinie
Der Weg zu einer finalen Richtlinie ist ein strukturierter und kollaborativer Prozess. Viele Faktoren müssen bedacht und verschiedene Perspektiven eingebunden werden, um Regelungen zu entwickeln, die gleichzeitig praktikabel und durchsetzbar sind.
Am Beginn jeder neuen Richtlinie steht die Analyse: Welche politischen Entwicklungen geben den Takt vor? Und welche Auswirkungen haben diese auf die Bank? Die Ergebnisse fließen in die Formulierung unserer Richtlinien ein. Im Bereich fossiler Brennstoffe geht es etwa darum, zwischen Klimaschutz und Versorgungssicherheit zu balancieren. Im Rüstungsbereich lauten die Fragen beispielsweise: Welche Waffenkategorien sind international geächtet? Und wie nachhaltig ist Rüstung eigentlich?
Ein weiterer, zentraler Schritt ist der kontinuierliche Austausch mit den relevanten Stakeholdern – innerhalb und außerhalb der Bank. Dazu gehört der Dialog mit Kund:innen, die von einer neuen Richtlinie gegebenenfalls betroffen wären. Ebenso wichtig ist der Abgleich mit dem Marktumfeld: Wie agieren andere Banken? Was ist realistisch und umsetzbar? Akteure wie Nichtregierungsorganisationen, wissenschaftliche Expert:innen oder politische Entscheidungsträger:innen sind ebenfalls Teil des Dialogs. Ihre Perspektiven helfen dabei, „blinde Flecken“ zu vermeiden und gesellschaftliche Erwartungen frühzeitig zu integrieren.
Innerhalb der Commerzbank sind die Richtlinien das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit von verschiedenen Bereichen wie beispielsweise Risikomanagement, Compliance und Vertriebseinheiten, über die wir den Dialog mit unseren Kund:innen sicherstellen. Die Entscheidungen selbst werden durch den Vorstand verabschiedet, der eine zentrale Rolle im Richtlinienprozess spielt.
Fossile Brennstoffe und Rüstungsfinanzierung: spezifische Herausforderungen für Richtlinien
Unsere Brennstoffrichtlinie regelt die gesamte Wertschöpfungskette für fossile Brennstoffe. Sie operationalisiert einerseits unsere Nachhaltigkeitsstrategie und reflektiert andererseits politische Entwicklungen wie den Kohleausstieg der Bundesrepublik Deutschland. Die Richtlinie spiegelt auch die aktuellen Gegebenheiten wider und berücksichtigt die Notwendigkeit einer gesicherten Energieversorgung.
Auch im Bereich der Rüstungsfinanzierung handeln wir als Commerzbank verantwortungsbewusst. Wir verstehen die entscheidende Rolle, welche die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bei der Gewährleistung unserer nationalen Sicherheit und der Förderung der politischen Stabilität spielt. Wir tragen deshalb innerhalb unserer Rüstungsrichtlinie sowie der gesetzlichen Vorgaben unseren Teil dazu bei, die notwendige Finanzierung für unsere Sicherheit und Verteidigung bereitzustellen. Unsere Rüstungsrichtlinie definiert konkrete Finanzierungskriterien und legt bestimmte Ausschlüsse fest – etwa für international geächtete Waffensysteme. Die Sicherung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands ist auch aus Sicht der Commerzbank notwendig. Die Begriffe „notwendig“ und „nachhaltig“ sind aber nicht per se gleichbedeutend. Wir beobachten deshalb sehr aufmerksam die aktuelle politische Diskussion.
Ausblick: Richtlinien sorgen auch in Zukunft für Transparenz und Orientierung
Nachhaltigkeit steht oft im Spannungsfeld zwischen ökologischen und sozialen Idealen sowie wirtschaftlicher und politischer Realität. Klar definierte Richtlinien schaffen Orientierung und sorgen für Transparenz, geben aber gleichzeitig Raum für individuelle Dialoge mit unseren Stakeholdern. Wir begleiten unsere Kund:innen bei ihrer Transformation – mit einer klaren Agenda, aber auch mit Verständnis für die Herausforderungen.
Nachhaltigkeit ist strategische Priorität
„Unser Ziel ist es, unsere Kundschaft aktiv dabei zu unterstützen, ihre Geschäftsmodelle umzustellen, und möglichst frühzeitig signifikante CO₂-Reduktionen zu erzielen. Wir sehen unsere Verantwortung dabei nicht im kategorischen Ausschluss einzelner Branchen, sondern im aktiven Begleiten der Transformation. Für uns als Commerzbank ist Nachhaltigkeit weiterhin eine strategische Priorität. Auf den ersten Blick scheinen aktuelle politische Entwicklungen von nachhaltigen Ansätzen abzurücken. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass weiterhin in die nachhaltige Transformation investiert wird. Diesen Weg weiter- zugehen, bleibt das übergeordnete Ziel: Nachhaltigkeit nicht nur als gesellschaftliche Forderung zu behandeln, sondern als unverzichtbaren Teil erfolgreichen Wirtschaftens.“
Dies ist ein Beitrag aus BAUM Insights 1/2026.
Die Autorin, Bettina Storck, verantwortet als Chief Sustainability Officer der Commerzbank AG die übergreifende Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns. Auch in ihrer früheren Funktion als Projektleitung innerhalb des Bereichs Group Strategy hat sie u.a. das Thema Nachhaltigkeit vorangetrieben. Zuvor war Bettina Storck als Pressesprecherin für die Bank tätig. Ihre akademische Ausbildung hat sie mit einem Master of Arts in Interkultureller Kommunikation und Europastudien abgeschlossen. Sie ist Mitglied des Vorstands des Sustainable Finance Clusters und hat dem Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung in der 20. Legislaturperiode angehört.
