Krise als Chance. Aber nur, wenn Sie vorbereitet sind

01. Juni 2026 | Digitalisierung, Einblicke & Perspektiven

Die gefühlte Ruhe der letzten Jahre war trügerisch. Dann kamen, fast gleichzeitig, Lieferkettenprobleme, Energiepreisschocks, geopolitische Verwerfungen, regulatorischer Druck und ein KI-Wandel, der keine Branche unberührt lässt. Tourismus, Bau, Logistik, Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Immobilienwirtschaft: Die Liste der unter Druck geratenen Sektoren liest sich wie ein Querschnitt durch den deutschen Mittelstand.

Und doch gibt es Unternehmen, die in eben dieser Gemengelage nicht straucheln, sondern wachsen. Was machen sie anders? Sie haben aufgehört, Resilienz als Kostenfaktor zu betrachten und angefangen, sie als Wettbewerbsvorteil zu managen.

Resilienz ist kein Zufallsprodukt

Resilienz entsteht nicht dadurch, dass man auf die nächste Krise wartet und dann schnell reagiert. Sie entsteht durch strukturelle Entscheidungen, die vor der Krise getroffen werden. Das klingt banal, ist es aber nicht, denn in der Praxis bedeutet es konkrete Maßnahmen:

  • Logistik & Produktion: Aufbau lokaler oder regionaler Lieferketten als bewusste Alternative zu reiner Kostenoptimierung. Wer drei Lieferanten für eine kritische Komponente hat, zahlt im Normalfall etwas mehr und spart im Krisenfall sein Unternehmen.
  • Energie: Eigenerzeugung, Lastmanagement, Energiedatenerfassung nicht als Pflichtübung, sondern als operative Steuerungsgröße. Wer weiß, was er wann verbraucht, kann handeln. Wer es nicht weiß, reagiert nur.
  • Daten & IT: Digitale Souveränität ist kein IT-Thema, sondern eine unternehmerische Entscheidung. Welche Daten liegen wo? Welche Systeme sind im Ernstfall verfügbar? Wer hier keine Antworten hat, hat ein unkalkuliertes Risiko in der Bilanz. Es steht nur nicht auf dem Papier.

Das Doppelspiel, das sich auszahlt: Digitalisierung und ressourcenschonendes Wirtschaften zusammendenken

Hier lohnt es sich, einen Begriff zu erklären, der in Unternehmensberatungen kursiert, aber im Mittelstand zu Recht skeptisch beäugt wird: Twin Transformation. Der Begriff klingt nach Beraterjargon und wird leider auch oft so verwendet. Dahinter steckt aber eine handfeste operative Logik: Digitalisierung und ressourcenschonendes Wirtschaften sind kein Widerspruch, sondern Verstärker voneinander, wenn man sie gemeinsam denkt.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen führt ein digitales System zur Erfassung des Energieverbrauchs ein. Das ist Digitalisierung. Gleichzeitig senkt es dadurch seinen Energieverbrauch um 18 %, das schont Ressourcen und spart bares Geld. Beides wäre ohne das jeweils andere schwerer erreichbar. Das ist gelebte Twin Transformation, nicht als Philosophie, sondern als Ergebnis. Wer Digitalisierung und effizientes Wirtschaften als getrennte Projekte behandelt, zahlt doppelt: an Zeit, Geld und Komplexität. Wer sie zusammendenkt, gewinnt auf beiden Seiten.

Und noch etwas: Ressourceneffizienz ist mittlerweile nicht mehr optional. CSRD, Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, Banken-Kreditvergabekriterien, der regulatorische Rahmen zieht sich zu. Unternehmen, die heute anfangen, Daten zu erheben und Prozesse anzupassen, haben in zwei Jahren einen messbaren Vorsprung gegenüber jenen, die gewartet haben.

Was das in der Praxis bedeutet – drei Beispiele

Energiemanagement in einer Bundesbehörde und einem DAX-Konzern
Klingt nach Großprojekt, war es auch. Aber die Methodik ist übertragbar: Zuerst Transparenz schaffen (was verbrauchen wir wann und wo?), dann Stellschrauben identifizieren, dann automatisiert steuern. Das Ergebnis war kein Prestigeprojekt, sondern eine operative Kennzahl, die nun monatlich ins Controlling einfließt. Jedes mittelständische Unternehmen mit mehr als einer Betriebsstätte kann diesen Weg gehen.

CSRD-Strategie in einem Transportkonzern
Viele mittelständische Unternehmen glauben, CSRD betreffe sie nicht, weil sie die Schwellenwerte unterschreiten. Das stimmt nur kurzfristig gedacht. Mittel- und langfristig nämlich nicht: Sobald ihr Kunde berichtspflichtig ist, werden die Daten von ihnen auch eingefordert. Wer sie dann nicht liefern kann, verliert den Auftrag. Der Ansatz hier: Datenerfassung so gestalten, dass sie einmal aufgebaut, dauerhaft nutzbar ist. Das ist keine Compliance-Bürde, sondern ein Steuerungsinstrument.

Flottenmanagement-Startup: Wenn Kundenfragen das eigene Angebot sprengen
Ein 60-köpfiges Start-up im Bereich Full-Service-Flottenmanagement mit E-Fahrzeugen, Ladeinfrastruktur und PV-Anlagen, hatte ein klassisches Mittelstandsproblem. Die Kunden, meist gehobener Mittelstand und Konzerne, stellten immer komplexere Fragen zu THG-Prämien, Double Counting und CSRD-Reporting. Rechtlich bindend beantworten konnte das intern niemand. Gleichzeitig war das Anfragevolumen zu hoch, um es zu ignorieren, aber zu gering, um dafür ein eigenes Team aufzubauen. Die Lösung war kein neues Headcount, sondern ein flexibel abrufbares Experten-Setup – Future Readiness as a Service. Spezifisches Wissen, exakt dann verfügbar, wenn es gebraucht wird. Für viele mittelständische Unternehmen ist das das realisierbarste Modell: nicht alles intern aufbauen, sondern strategisch ergänzen.

Was jetzt zu tun ist

Krisen kündigen sich selten an. Aber die Strukturen, mit denen man ihnen begegnet, lassen sich aufbauen, bevor sie eintreten. Drei Fragen, die sich jede Führungskraft im Mittelstand gerade stellen sollte:

  1. Wo bin ich abhängig und habe ich das bewusst entschieden? (Lieferketten, IT-Infrastruktur, Energiebezug)
  2. Welche Daten erhebe ich heute, die morgen regulatorisch oder operativ gefordert werden und wie kann ich diese für unternehmerische Zwecke nutzbar machen?
  3. Wo kann ich Digitalisierung und Ressourceneffizienz als ein gemeinsames Projekt angehen, statt als zwei getrennte Budgetposten?

Die gute Nachricht: Die meisten Unternehmen, die wir kennen, haben die Antworten auf diese Fragen irgendwo bereits im Haus. Sie sind nur noch nicht zusammengeführt worden. Genau dort beginnt die Arbeit und auch die Chance.


Dies ist ein Gastbeitrag des BAUM-Mitglieds Heartprint.

Rainer Karcher und Anthea Wagner arbeiten bei Heartprint an der Schnittstelle von Digitalisierung, Ressourceneffizienz und unternehmerischer Resilienz, mit Fokus auf dem deutschsprachigen Mittelstand.

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