Europa greifbar für alle machen

26. Juni 2026 | Einblicke & Perspektiven

Die BAUM-Vorsitzende Yvonne Zwick sprach mit Gabriele Hässig, Geschäftsführerin Kommunikation und Nachhaltigkeit DACH bei Procter & Gamble und Mitglied der Jury des BAUM | Umwelt- und Nachhaltigkeitspreises, über die Wirkung von Best Practices und ein Growth Mindset in der Nachhaltigkeits-Community.

Yvonne Zwick: Gabriele, du engagierst dich schon seit sehr, sehr vielen Jahren für Nachhaltigkeit, treibst das Thema bei Procter & Gamble voran und bist seit 2022 auch in der Jury des BAUM | Umwelt- und Nachhaltigkeitspreises. Den Preis gibt es schon sehr lange. Zum Einstieg die Frage: Was bedeutet dieser Preis für dich persönlich?

Gabriele Hässig: Der Preis macht sichtbar. Dass Menschen mit ihren Themen und Aktivitäten Anerkennung erfahren, ist sicherlich wichtig, auch für die einzelnen Personen. Aber ich glaube, dass damit breitere Sichtbarkeit entsteht, ist für die Themen noch wichtiger – also Netzwerke zu schaffen und Mitstreiter*innen für Anliegen, Projekte und Aktivitäten zu finden.

YZ: Ja, der BAUM-Preis zeichnet Menschen aus, die Nachhaltigkeit nicht nur diskutieren, sondern in Unternehmen, in Wissenschaft und Gesellschaft auch wirksam machen und voranbringen. Welche Eigenschaften verbinden die Preisträgerinnen und Preisträger aus deiner Sicht in diesem Jahr? Es gibt mit Eva Danneberg und Boris Voelkel zwei Vertreter*innen des Mittelstands, dann Uwe Bergmann von Henkel, natürlich Ottmar Edenhofer vom Potsdam Institut und schließlich Claudine Nierth als Demokratie-Akteurin – eine ganz bunte Mischung und in sich ja schon eine Story.

„Nur wenn wir gemeinsam vorgehen, werden wir Dinge systemisch verändern.“

GH: Mein Eindruck ist, dass Macher*innen ausgezeichnet werden. Da sind natürlich auch Vordenker*innen dabei und Wissenschaftler*innen, das ist ganz klar, vor allem aber eben auch die, die tun und machen. Professor Ottmar Edenhofer ist eine Leuchtturmpersönlichkeit, da er die solide wissenschaftliche Arbeit wunderbar verbindet mit einem unheimlichen Schaffensdrang – mit dem Drang, wissenschaftliche Erkenntnis nicht nur zu gewinnen und zu publizieren, sondern sie auch zu vermitteln. Mich freut, dass nicht nur Mittelständler*innen ausgezeichnet werden, sondern dass auch Menschen aus Großunternehmen Anerkennung finden. Denn nur, wenn wir raus aus den Barrikaden kommen und gemeinsam vorgehen, werden wir Dinge systemisch verändern.

YZ: Jetzt hast du mit Ottmar Edenhofer schon den renommierten Klimawissenschaftler angesprochen. Wie kommt es, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Folgen der Erderwärmung heute zwar so klar sind wie noch nie, es aber trotzdem vielen Unternehmen noch nicht gelingt, diese Erkenntnisse konsequent in Geschäftsmodelle und Geschäftspraxis zu übersetzen? Was fehlt da deiner Ansicht nach?

GH: In der Frage stecken ganz unterschiedliche Elemente, die würde ich gerne differenziert und der Reihe nach beleuchten. Zuerst einmal: Ja, die wissenschaftliche Erkenntnis ist sehr, sehr klar. Die Erkenntnisse, die wir haben, machen uns klar, dass es sehr wichtig – und in gewisser Hinsicht auch clever – ist, unter 2 Grad zu bleiben. Die 1,5 Grad haben wir schon gerissen. Die Konsequenzen für Gesundheit, Infrastruktur, Biodiversität usw. sind bereits jetzt erheblich. Vom Potsdam Institut höre ich immer wieder das gute Argument: Wir wissen einfach nicht alles, was passiert, wenn wir gewisse Grenzen überschreiten. Deswegen „clever“.
An dieser Stelle liegt mir eines am Herzen: Ich halte es für wenig hilfreich, Horrorszenarien zu zeichnen, die den Menschen Angst machen. Denn wenn Menschen Angst haben, verschließen sich viele. Entweder wollen sie dann gar nichts mehr wissen und handeln einfach so weiter wie bisher, oder wir kommen in angstgesteuerte Verteilungsdebatten. Veränderung und Innovation setzen immer Vertrauen voraus. Ich glaube, das ist eine Antwort auf deine Frage, warum in der Gesellschaft insgesamt das Thema noch nicht die gebotene Aufmerksamkeit erhält.
Für Procter & Gamble kann ich nur sagen: Wir haben seit vielen Jahren einen klaren Fahrplan. Auch in anderen Unternehmen, soweit ich es sehen kann, ist sehr, sehr viel in der Umsetzung. Gesamtgesellschaftlich geht es um mehr als Umverteilungsfragen: Wir müssen vielmehr in den Fokus rücken, was die Ziele, im Sinne konkreter Ergebnisse, sind, die wir gemeinsam erreichen wollen. Und dann darüber sprechen, mit welchen Rahmenbedingungen und marktwirtschaftlichen Hebeln wir am besten dahin kommen. In den letzten 10–15 Jahren wurde sehr viel über Regulierung probiert – teilweise sehr ideologisch und mit Detailregulierung, die ins Absurde geht. Heute sehen wir: Das ist nicht der Weg, der uns weiterhilft. Wir müssen wissen, wo wir hinmüssen, und dann entsprechend in die nächste Umsetzungsebene kommen. Klar ist: Zeit ist eine knappe Ressource.

YZ: Wie können wir das in ein marktwirtschaftliches Modell überführen, dass die 1,5 Grad wieder realistisch werden? Hast du dazu Ideen oder auch Forderungen an die Politik, was Unternehmen dabei unterstützen würde, mit ihren Geschäftsmodellen 1,5 Grad tatsächlich zu erreichen?

GH: Ich würde nicht in den Fokus der Regulierung rücken, Geschäftsmodelle zu verändern. Das ist Planwirtschaft, da sträubt sich in mir alles dagegen. Aus meiner Sicht ist das eine echte Innovationsbremse.

YZ: Was würdest du denn verändern?

„Wir brauchen mehr Innovation.“

GH: Ein ganz entscheidendes Thema ist, externalisierte Kosten zu internalisieren. Und zwar nicht so, dass wir unsere Wirtschaft hier noch stärker belasten, das hilft niemandem. Was wir die letzten Jahre gemacht haben, lief bei vielen Themen in eine falsche Richtung, man muss es leider so klar sagen. Es hilft dem Planeten überhaupt nicht, wenn Dinge verschoben werden. Wir müssen auf technisch bessere Lösungen kommen; dazu brauchen wir mehr Innovation.
Ein weiterer Faktor: Wir müssen in den großen Bereichen schauen, wo wir tätig werden – also z.B. Energie, Landwirtschaft, um mal zwei große Bereiche zu nennen. Außerdem der Bereich rund um Zement, Bauen, Konstruktion usw.
Fangen wir mal an mit Energie: Es ist wichtig, dass wir die benötigte Energie bereitstellen können – optimalerweise natürlich aus nachhaltigen Quellen. Wir brauchen viel Energie, weil Energie mit Wachstum korreliert. Und wir brauchen Wachstum, um alles zu finanzieren. Wir müssen die Energieversorgung zudem verbreitern, weil alles, was wir in Zukunft benötigen, mehr Energie verbrauchen wird. Wichtig ist damit einhergehende Infrastrukturbereitstellung.
Im Bereich Landwirtschaft und Ernährung müssen wir die Chancen von Technologie nutzen, um zu besseren Ergebnissen zu kommen, die sowohl die Biodiversität als auch die Bedürfnisse der Menschen respektieren. Mittels AI und Technologie wird es möglich sein, Dünger und Pestizide ganz präzise aufzubringen. Die Wirkung wäre weniger Umweltbelastung und besserer Schutz. AI wird in vielen Bereichen hilfreich sein können. Aber ich bin kein Fantast und sage, weil das alles morgen super ist, müssen wir heute nichts tun. Nein, heute können wir schon ganz viel tun. Und das Schöne ist – da kommt bei mir die Betriebswirtin raus – ganz viele Themen in der Nachhaltigkeit sind betriebswirtschaftlich äußerst sinnvoll, weil sie Produktivität steigern.

YZ: Ich finde, das hat jetzt sehr gut den Bogen geschlossen zu dem, wie du eingestiegen bist: nicht die Geschäftsmodelle ändern, sondern das Wie. Wir brauchen mehr saubere Ressourcen. Das geht in Richtung dessen, was Michael Braungart immer sagt, dass wir nicht die Menschen ändern sollten, sondern die Produkte. Wenn die konsequent „cradle to cradle“ sind, können die Menschen konsumieren, wie sie wollen. Wenn alles dekonstruiert und wieder zusammengefügt werden kann zu neuen Produkten, dann sind wir in einem ganz anderen Bewirtschaftungsmodell von Ressourcen. Das müsste man weiterdenken.

GH: Absolut. Und das Ganze basiert auf Technologieoffenheit und Innovationsfreude. Ich würde die Unternehmen gerne noch viel mehr auf Innovation fokussieren und die Rahmenbedingungen so setzen, dass sie innerhalb der Rahmenbedingungen innovieren können, wie immer sie wollen. Nicht Innovation beschränken oder in verschiedene Richtungen drängen – so geht die Natur doch auch nicht vor. Alle Versuche, von vorne herein festzuschreiben, wie was laufen soll, werden vom Prinzip her gar nicht funktionieren.

YZ: Ich komme noch mal zurück zu der Frage, wie wir die kritische Bewegung auch innerhalb der Wirtschaft hinbekommen. Was glaubst du, was da am besten hilft? Sind es noch mehr Erzählungen über Best Practices oder eher das Schaffen von Räumen zur gemeinsamen Entwicklung konkreter Lösungen?

GH: Echte Veränderung setzt Vertrauen voraus. Best Practices zeigen, was wir erreichen können. Darüber müssen wir sprechen, damit gute Lösungen adaptiert werden. Ich bringe mal ein Beispiel von Procter & Gamble; es geht um Wasser. Wasser ist in Deutschland ein Thema, das wir viel zu wenig diskutieren. Wasser ist inhärent, ja lokal, das muss ich dir nicht erzählen, Yvonne. Wir reden meist nur über Wasser, wenn’s knapp wird – dabei ist Wasserknappheit für Unternehmen ein riesiges Risiko. Deshalb haben wir vor Jahren alle Werke in wasserarmen Gebieten geprüft und Wasseraktionspläne gefordert. Diese Woche haben wir unser Werk in Jijona, Spanien, ausgezeichnet: Es ist jetzt wasserpositiv! Das Team produziert dort Windeln für den spanischen Markt. Jijona ist ein sehr wasserarmes Gebiet. Also haben sie zusammen mit Naturschützern analysiert, warum das Wasser fehlt. Dabei fanden sie heraus, dass dort invasive Gräser mehr Wasser verbrauchten als das ganze Werk. Also entfernten sie die Gräser, pflanzten heimische Sträucher und Bäume – und jetzt geben wir mehr Trinkwasser zurück, als wir für die Produktion brauchen. Das zeigt: Nachhaltigkeit fängt nicht erst im Werk an, sondern schon drumherum.

„Wir brauchen kluge Regulierung, aber auch Freiräume.“

YZ: Fühlt ihr euch bei Procter & Gamble als Konsumgüterkonzern von der Politik gut unterstützt in dem, was ihr tut, und wahrgenommen?

GH: Wir brauchen keine Unterstützung für unser Geschäft, aber Planungssicherheit mit kluger Regulierung: klare Grenzen und Verbote, wo nötig, und dazwischen Freiräume. Problematisch wird es, wie gesagt, wenn Lösungen vorgeschrieben werden – denn Gesetzgebungsprozesse dauern lange. Bis ein Gesetz in Kraft tritt, sind Stand der Technik und Wissenschaft oft schon überholt. Innovationen werden verhindert, und dagegen gibt es berechtigten Widerstand.
Gleichzeitig profitieren wir alle von einem großen, einheitlichen europäischen Wirtschaftsraum. Das macht Europa interessant. Deshalb müssen wir die EU und ihre Rahmenbedingungen wertschätzen. Aber wir dürfen nicht in Durchregulierung verfallen, denn Planwirtschaft funktioniert nicht. Für Innovation braucht es Fantasie, Möglichkeiten und Bildung. Mein Wunsch wäre mehr Fokus auf Bildung, von der frühkindlichen Förderung bis zu Schulen, Universitäten und Ausbildungsberufen. Vertrauen wir den gut ausgebildeten Menschen – sie werden gute Lösungen finden.

YZ: Damit wären wir beim Thema Growth Mindset. Was glaubst du, wie man auch die Nachhaltigkeits-Community für ein Growth Mindset begeistern kann? Wie kommen wir dahin, dass Wachstum als etwas Positives empfunden wird?

GH: Offener Dialog und sich kennenlernen – das ist der Schlüssel. Ich schätze die Formate von BAUM sehr, auch wenn ich nicht immer dabei sein kann. Mir ist der Austausch unglaublich wichtig: Nur so verstehen wir die Standpunkte der anderen und können über echte Lösungsräume reden.
Für mich ist ein Growth Mindset entscheidend. Wir stecken oft in These und Antithese fest – die einen schreien, die anderen auch. Das bringt nichts. Wir müssen vorwärtsdenken, über unsere gemeinsame Zukunft sprechen, ohne sie jemandem absprechen zu wollen. Aber wir brauchen keine neue Zukunftserzählung, die nur auf heutigem Wissen basiert. Wir müssen uns fragen: Wie sieht eine gute Zukunft aus? Wir brauchen die Kraft, uns eine gute Zukunft vorzustellen – so wie im Geschäft: Wohin will ich? Dann überlegen wir den Weg dorthin. Der Dialog mit jungen Menschen ist dabei entscheidend.

YZ: Ja, stimmt. Wenn du überlegst, was in den nächsten fünf Jahren passieren muss, welche Rolle siehst du da für BAUM? Was müssten wir an Wirkung idealerweise entfalten?

„Wenn Dinge gut funktionieren, werden sie nachgeahmt.“

GH: Ich will keiner Diskussion vorgreifen. Der Gedanke Dialogplattform ist aus meiner Sicht bedeutsam – und dabei alle Akteure einbeziehen und niemanden ausschließen. Das Zweite ist: neueste Erkenntnisse teilen. Zeit ist ein kritischer Faktor. Deswegen ist der Austausch von Wissen, Ergebnissen, Projekten unglaublich wichtig. Wenn da Dinge gut funktionieren, werden sie nachgeahmt. Das ist überall so im Wirtschaftsleben, warum sollte es hier anders sein? Und das Dritte ist eine größere Offenheit für und Freude an Innovation.

YZ: Titel der diesjährigen BAUM-Tagung ist „Confiance en Europe. Zuversicht in Europa“. Was würdest du den Tagungsgästen mitgeben? Welche Botschaften Richtung Brüssel sollen sie möglicherweise erarbeiten?

GH: Wir müssen uns trauen, größere Umbrüche für einen gemeinsam Aufbruch vorzunehmen, gerade in der Regulierung. Europa ist ein wunderbarer, großer Wirtschaftsraum. Den greifbar für alle zu machen, ist essenziell, um Skaleneffekte bei Innovationen zu realisieren. Damit das funktioniert, müssen wir uns trauen, mit einem positiven Menschen- und Unternehmensbild in das Unterholz von Regulierung hineinzugehen.

YZ: Das heißt in der Essenz: Wie machen wir den Wirtschaftsraum für alle greifbar? Wie erreichen wir Skaleneffekte und gehen mit einem positiven Menschenbild auf alle zu, die uns begegnen?

GH: Richtig. Der große europäische Wirtschaftsraum bietet große Chancen; er bringt uns Skalierungsmöglichkeiten, schafft Platz und Atem für uns und neue Wachstumsbereiche.

YZ: Woran würdest du denn festmachen wollen in fünf Jahren, dass Europa und wir mit unseren Unternehmen, aber auch als Gesellschaft, dass wir auf dem richtigen Weg sind?

GH: An Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Reduktion von CO₂-Emissionen und besseren Biodiversitätskennzahlen.

YZ: Was macht dir persönlich Zuversicht?

GH: Die Menschen, die ich treffe.

YZ: Dann freue ich mich wirklich darauf, dass du zur BAUM-Tagung kommst. Die Community ist echt super. In den letzten Jahren wurde mir hinterher vielfach gespiegelt – von Geschäftsführenden aus Mitgliedsunternehmen und anderen –, dass sie energiegeladen wieder gegangen sind.

Foto: P&G/Strohbücker
Gabriele Hässig, Geschäftsführerin Kommunikation und Nachhaltigkeit DACH bei Procter & Gamble
Gabriele Hässig ist Geschäftsführerin Kommunikation und Nachhaltigkeit DACH bei Procter & Gamble und Mitglied der Jury des BAUM | Umwelt- und Nachhaltigkeitspreises.
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