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"DIE GROßE NACHHALTIGKEITS-ILLUSION" - UND WAS DAS MIT B.A.U.M. ZU TUN HAT

Im Sommer haben wir an dieser Stelle die Mini-Serie von Ralph Thurm, Mitgründer von r3.0, für die sich aufbauende Diskussion um Standardisierung und Konsolidierung von Nachhaltigkeitsberichterstattung auf Deutsch verfügbar gemacht. Eine Einordnung dieser Mini-Serie gibt nun die B.A.U.M.-Vorsitzende Yvonne Zwick.

Motivation zu dieser Einordnung war, meine persönlichen Erfahrungen mit der teils harschen Kritik, die Ralph an der ESG-Berichterstattung übt, abzugleichen und möglichst in eine B.A.U.M.-Positionierung zu überführen. (Finden Sie hier den Einstieg in Teil 1 der Mini-Serie und klicken Sie von dort aus durch auf die weiteren Teile.)

Wir brauchen eine ambitionierte Berichterstattung

Um eines vorweg zu nehmen: Ich teile die Bedenken in vielen, jedoch nicht in allen Punkten. Die Berichterstattung über ökologische, soziale und Governance-Faktoren eignet sich für den Einstieg. Sie erleichtert die Standortbestimmung und unterstützt die Fortschrittsmessung in zentralen Themen der Nachhaltigkeit. Ich teile jedoch die Einschätzung, dass diese Berichterstattung zügig weiterentwickelt werden muss in eine ambitionierte Berichterstattung, die regenerative Wirtschaftspraxis dokumentiert und die tatsächliche Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells beschreibt. Es ist ein bisschen wie mit bewusstem Konsum: Ich kann auch sehr bewusst jeden Tag ein Rindersteak aus artgerechter Tierhaltung verspeisen oder dauerhaften Überkonsum mit zu 100% gelabelten bio-fairen Produkten betreiben – näher zu einem tragfähigen Konsummuster, das an jeden Fleck der Erde übertragbar wäre, führt mich das jedoch nicht. Wir müssen die richtigen, substanziell guten Strategien verknüpfen mit der Frage "Wie viel ist genug?”, die der Club of Rome schon in den 70ern aufgeworfen hat.

Selbstverständlich kann mir der Autor der Mini-Serie auch vorwerfen, dass ich als eine der Begleiterinnen eines Instruments für ESG-Berichterstattung, nämlich des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK), mit Betriebsblindheit geschlagen bin. Und es stimmt: Ich habe zu viele DNK-Erklärungen gelesen und zu viele Berichte gehört von betriebsinternen Prozessen, die durch Berichterstattung ausgelöst wurden. Eine Wissenschaftlerin der Universität Hamburg hat einmal gesagt: Der Nachhaltigkeitskodex sei ein Low-threshold-Instrument für den leichten Einstieg mit der Perspektive auf high impact. Der Zunder des Nachhaltigkeitskodex liegt unter der Oberfläche in der DNK-Datenbank, der große Wert für Unternehmen auf ihrer Lernreise in den Feedbackprozessen des DNK-Teams. In den Nudging-Fragen, die mich als Anwenderin weiter schubsen, wenn ich in der DNK-Datenbank meine Erklärung vorbereite. Diese Anspruchsebene muss im nächsten Schritt konsequenterweise auf die erste Ebene der Berichtsanforderungen zum Nachhaltigkeitskodex gehoben werden, wollen wir zügig weiterkommen zu wirkungsorientierter, relevanter Berichterstattung.

Wir müssen die Bezugsgrößen klar machen

Wollen wir die Aussagekraft der Berichterstattung zur Nachhaltigkeit beurteilen, müssen wir die Bezugsgrößen klar machen, gegen die wir die Berichtsinhalte prüfen und die eine Beurteilung der Nachhaltigkeitsleistung überhaupt erst ermöglichen. B.A.U.M. e.V. setzt den Bezugsrahmen gemäß Satzung mit den Sustainable Development Goals, den planetaren Belastungsgrenzen sowie dem Wunsch, das 1,5°-Klimaszenario einzuhalten. Es ist wahrscheinlich, dass wir mittlerweile als Ziel Umweltpositivität ins Visier nehmen müssen, d.h. der Atmosphäre CO2 zu entziehen und Puffer aufzubauen. Dass wir das klar vor Augen haben, ist purer Eigennutz, denn unser Verband sitzt in Hamburg – eine Stadt, bei der man davon ausgehen muss, dass ein Drittel der Fläche in 20-30 Jahren verloren geht, wenn wir es nicht schaffen, die Klimawende einzuleiten. Für diese Klimawende ist eine Vollbremsung notwendig und ein Umsteuern hin zu umweltgerechtem Wirtschaften.

Wir brauchen echte Nachhaltigkeitsberichte

Eine These von Ralph Thurm ist auch: Wir haben noch keinen echten Nachhaltigkeitsbericht gelesen. Das ändert r3.0 nun mit dem UNRISD-Projekt, in dessen Rahmen unser Mitglied GLS Bank jüngst den ersten echten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichte. Ich empfehle Ihnen diesen zur Lektüre. Er ist bahnbrechend, weil er als erster die Wirkungen des Bankgeschäfts auf die biophysikalischen Belastungsgrenzen sowie auf Gesellschaft und Wirtschaft beschreibt. Dieser Bericht kann auch für die Entwicklung des EU-Nachhaltigkeitsberichtsstandards zur Messlatte werden.

An einem solchen Standard arbeitet eine Projektgruppe der EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group) im Auftrag der EU-Kommission. Wir haben bereits bei der Richtlinie zur Offenlegung nichtfinanzieller Informationen gesehen, dass die Interpretation der gesetzlichen Anforderungen entscheidend ist. Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex hat hier wichtige Übersetzungsleistung erbracht, Zugänge und Orientierung geschaffen. Er ist daher auch als Brücke für weitere regulatorische Anforderungen wertvoll, weil der Nachhaltigkeitsrat konstitutiv der letztlich in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie dokumentierbaren nachhaltigen Entwicklung verpflichtet ist. Wir kommen nicht umhin, die Diskussion um Grenzwerte und Nutzungsrechte zu führen. Sie sollten in den kommenden Aktualisierungen des Nachhaltigkeitskodex, im EU-Nachhaltigkeitsberichtsstandard und im Ordnungsrahmen für zukunftsfähiges Wirtschaften definiert werden. Auf dieser Grundlage mögen sich Ingenieurskunst und Erfindergeist austoben, um reale Erfolge zu zeigen, die mittels Geodaten und in Waldzustandsberichten nachgewiesen werden können.

Wer von Nachhaltigkeit spricht, kann nicht auf fossile Energieträger setzen

Mit der Novellierung der Nachhaltigkeitsberichtspflicht werden europaweit ab 2024 zehnmal mehr Unternehmen erfasst. Eine Vielzahl an Akteuren wird die adäquate Umsetzung der Corporate Sustainability Reporting Direktive interpretieren. Wir werden auch hier sehen, dass sich die Bewertung umweltverträglicher, nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten und Investitionen teilweise stark unterscheiden. So setzt Deutschland weiter auf die fossile Ressource Gas, Frankreich auf die Atomkraft als saubere Energiequelle. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen hat sich darauf nun mit einem offenen Brief an die EU-Kommission geäußert. Ich freue mich, dass unsere kleine Schwester, die Green Futura GmbH, diesen Brief unterzeichnet hat und damit gemeinsam mit anderen in der Taxonomie-Diskussion ein klares Signal für Eindeutigkeit setzt: Wer von Nachhaltigkeit spricht, kann nicht auf fossile Energieträger setzen. Erledigen wir diese Frage nicht jetzt, kommt sie auf Wiedervorlage – wieder und wieder.

Die Ableitung unternehmerischer Ziele ausgehend von den biophysikalischen Belastungsgrenzen ist von daher eine Notwendigkeit. Sie müssen der Ausgangspunkt sein für die Zielformulierungen – bezogen auf Unternehmensstandorte sowie auf die wesentlichen Punkte in den Schöpfungsnetzwerken, in denen wesentliche Wertschöpfung stattfindet und Hotspots auszumachen sind. Der Kontext ist der Schlüssel. Wo ich stehe ist mein Kontext.

Wissen verpflichtet

Wir reden davon, dass Eigentum verpflichtet. Ich meine: Wissen und Weitblick verpflichten ebenso. B.A.U.M. e.V. als ein Verband, den es seit nun fast vier Jahrzehnten gibt, ist dazu verpflichtet, das im Netzwerk vorhandene Wissen so vieler Unternehmen, die vorangegangen sind und die wissen, wie der Hase läuft, möglichst so in die aktuellen Diskussionen einzubringen. So können Neueinsteiger in das Thema aus allen gesellschaftlichen Bereichen von diesem Wissen profitieren und müssen nicht erst alle Entwicklungsstufen des Nachhaltigkeitsverständnisses, eine nach der anderen, erklimmen.

Wir müssen zügig vom Commitment zur Wirkungsmessung und Erstellung der Gesamtbilanz unserer Aktivitäten kommen – verbandsintern sowie mit den mit uns verbundenen Netzwerkpartnern – auch mit den mit uns zeitweilig kooperierenden oder punktuell an Wirtschaft pro Klima oder nachhaltig.digital teilnehmenden Unternehmen. Mein Ziel ist es, über den Begriff der Klimaneutralität hinaus eine umfassende Umweltpositivität und distributive Wirtschaft zu unterstützen. Es geht mir darum, dass wir unternehmerische Nachhaltigkeitsleistungen in Bezug zu den Belastungsgrenzen sichtbar machen. Wir setzen dabei schon seit vielen Jahren als strategischer Partner auf den Deutschen Nachhaltigkeitskodex. Und es wird auch damit gearbeitet: Der B.A.U.M. Fair Future Fonds, der in Unternehmen investiert, die die Ökosysteme nicht schädigen, basiert auf Erklärungen zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex (wo vorhanden) und auf seinen Kriterien.

Wem sind wir verpflichtet? Es ist höchste Zeit zu begreifen, dass es darum geht, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu erhalten. Die Regulierung füllt die Fehlstelle ethischen Handelns. Vom unterstellten Interesse an intakter Umwelt, an funktionierender Wirtschaft sowie an Gesellschaften, die zusammenhalten, leiten wir das Bild der verteilenden, gedeihenden Wirtschaft ab, die positive Beiträge leistet für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.

Praktisch relevante, wirkungsvolle Kompetenzen aufbauen

In der Thurm-Serie sind meine Lieblingsteile natürlich die konstruktiven, die Lösungen aufzeigen: die Teile drei und vier. Die Wahrhaftigkeit steht hier im Zentrum: wahre Preise, wahrer Nutzen, wahre Kompensation und Anreize, die an Nachhaltigkeitsleistungen geknüpft gehören, und wahre Steuern, die zum einen Umweltschäden mit einem Preisschild für die Folgekosten, die der Allgemeinheit zufallen, versehen, zum anderen ressourcenleichte Produkte und Dienstleistungen entlasten, deren Nutzen die Schadensbilanz übersteigen. Auf diesen Arbeitsthemen, Thesen und Ideen setzt B.A.U.M. e.V. zukunftsweisende Projekte auf. Es geht darum, nun massiv Kompetenzen aufzubauen – nicht theoretische, sondern praktisch relevante, wirkungsvolle Kompetenzen, die unsere Wirtschaftsweise grundlegend verändern. Wir werden zukünftig Unternehmen und Branchen dabei begleiten, ihre eigene Transformationsreise hin zur nachhaltigen, gedeihenden Wirtschaft anzutreten. Die Politik ist aufgefordert, dieses Anspruchsniveau zu unterstützen und die Subvention und Förderung nicht nachhaltiger Geschäftsmodelle zügig auslaufen zu lassen.


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